Auf ein Wort

Das Zeichen“ – so hat Shalom Ben-Chorin sein Gedicht vom Mandelzweig ursprünglich überschrieben, dessen erste Strophe Sie auf der Titelseite finden. Shalom Ben-Chorin, geboren 1913 als Friedrich Rosenthal, war jüdischer Schriftsteller und Religionswissenschaftler und emigrierte 1935 von Deutschland ins damalige Palästina. Sein hebräischer Name bedeutet „Frieden, Sohn der Freiheit“.

„Das Zeichen“ entstand 1942 und beschreibt die damalige Situation des Zweiten Weltkriegs, aber auch Hoffnung darüber hinaus. Ben-Chorin berichtet: „Wenn ich an kalten Februartagen auf den Balkon vor meinem Arbeitszimmer trat, fiel mein Blick immer wieder auf diesen Mandelbaum, der bereits weiß-rosa Blütenblätter zeigte, wenn alle anderen Bäume ringsum noch winterlich kahl blieben … In den düstersten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der beispiellosen Verfolgungen hat sich mir dieses Erlebnis zu einem Lied verdichtet.“

Shalom Ben-Chorin trat später für Versöhnung ein und förderte den jüdisch-christlichen Dialog. Sein Text hat mit einer Melodie von Fritz Baltruweit Einzug ins Evangelische Gesangbuch gefunden (im niedersächsisch-bremischen Anhang Nr. 620).

Vom Mandelzweig, nicht Mandelbaum ist im Gedicht die Rede. Ein Hinweis darauf, dass Ben-Chorin neben der direkten Anschauung aus seinem Arbeitszimmerfenster auch ein biblisches Bild im Blick hatte: Bei der Berufung Jeremias wird die hebräische Wortverwandtschaft von „Mandelzweig“ (hebr. shoked) und „wachen“ (hebr. shaked) zu einem Versprechen Gottes (Jeremia 1,11+12). Luther übersetzte: „Und es geschah des HERRN Wort zu mir: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich’s tue.“

Aktuell befinden wir uns nicht im Kriegszustand. Alle diesbezüglichen Vergleiche, die in den letzten Monaten geäußert wurden, zeugen für mein Empfinden von Ahnungslosigkeit und Ignoranz. Das Bild vom Mandelzweig und seine biblische Deutung kann aber auch uns neues Vertrauen geben in dieser von coronabedingten Einschränkungen geprägten Zeit. Gott steht zu seinen Verheißungen. Er lässt uns nicht allein. Zeichen seiner Nähe können wir finden – und einander zu solchen Zeichen werden.

„Ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Herzlich grüßt Sie

Susanne Dremel-Malitte