Sommer 1989, die Stimmung in der DDR brodelte. Dennoch erhielten wir von unseren Freunden aus der Partnergemeinde Rosenthal-Langenhennersdorf eine Besuchseinladung für das Wochenende vom 10. – 13. 11. 89. Die großen Zweifel, ob wir diesen Besuch noch wahrmachen könnten blieben bis zum letzten Tag.                     
Um 4 Uhr morgens am 10. 11. sprang unser Radiowecker an (wir wollten möglichst früh los) und im Halbschlaf hörten wir‚ die Mauer ist auf‘, was uns elektrisiert hochfahren ließ. Weiter hörten wir erst mal nichts. Wir waren der Meinung, dass wir uns kräftig verhört hatten. Als dann in Riemsloh und Hoyel die nächsten Mitreisenden einstiegen und nichts sagten, war es klar, wir hatten uns verhört. Dabei bedachten wir aber nicht dass es sich bei unseren Mitfahrer*innen hauptsächlich um Personen aus der Landwirtschaft handelte, die anderes zu tun hatten, als Radio zu hören.
Wir wollten über Herleshausen einreisen und in der Nähe von Kassel knatterte es plötzlich, ungewohnte Rauchwolken aus den entgegenkommenden Autos quollen empor und wirklich kamen uns Trabis und Wartburgs in großer Anzahl entgegen. Es stimmte also offensichtlich doch, dass die DDR Bürger reisen durften.
In Herleshausen steuerten wir erst einmal die Autobahnraststätte an, wo sich schon unzählige ‚Ostautos‘ aufgereiht hatten. Der ADAC stand mit den ganz besonders begehrten Straßenkartenkarten und Kleinigkeiten bereit, um die Reisenden zu beraten. Auf unsere Frage, was sie hier machten, erhielten wir die Antworten, „mir woll’n mal seh’n wie ihr so lebt, dann mach mer wieder nüber“ oder „ich hab zu meener Frau gesagt, stell du dich für die Papiere an, ich setz mich derweil inne Pappe“.
Seit abends 22 Uhr war wirklich die Grenze geöffnet. Eigentlich sollten sich die DDR Bürger einen Passierschein besorgen, aber die Grenzer wurden überrannt.
Es war so üblich, dass mein Mann den Bulli fuhr und ich die Formalitäten für alle übernahm. An der Grenze ging es erstaunlich schnell  und wir setzten unsere Reise auf der fast leeren Autobahn auf unserer Seite fort, die Gegenfahrbahn war überfüllt.
An der Meldestelle in Pirna gab es eine lange Schlange vom Hof bis in den ersten Stock, doch ich sollte daran vorbei und uns anmelden. Schlimm war es für mich, als ich mich auf der Treppe vorbei drängeln musste, als ein Bürger den Murrenden zurief, „nun lasst sie vorbei, die gehört zu den mündigen Bürgern“. Die Volkspolizistin zeigte wenig Begeisterung, mich abzufertigen, schnauzte aber ihre Bundesgenossen an, mir Platz zu machen.
In Rosenthal wurden wir schon heiß ersehnt. Das übliche Programm war abgeblasen worden und es entstand eine lange Nacht der Diskussion, der ebenso ein paar Tage mit Debatten folgten. Junge Leute waren nicht zugegen, die waren fast alle nach Berlin aufgebrochen, dieses Ereignis an der Mauer mitzuerleben. Wenig Verständnis ernteten wir dafür, dass wir diese große Euphorie ein wenig zu dämpfen versuchten. Der Hinweis meines Mannes, „das bleibt nicht immer so. Ihr müsst die Ärmel demnächst bis zur Schulter hochkrempeln“ wurde uns erst nach ein paar Jahren bestätigt.
Am Sonntag feierten wir dann in der Rosenthaler Kirche einen ganz besonderen Dankgottesdienst.

Ich glaube, dass dieses Erlebnis allen Mitfahrer*innen lebhaft in Erinnerung geblieben ist und niemand von uns das missen möchte.

Ich hoffe, dass die Freundschaften noch lange bestehen bleiben und wieder ein wenig intensiviert werden.

Hedda Oberschmidt